Die Vorstellung der neuen „Empfehlungen für Superblocks“ (ESu) von Changing Cities stieß letzten Donnerstag auf großes Interesse. Planer*innen, Aktivist*innen und Verwaltungsleute waren gekommen, um mehr über den neuen Leitfaden und dessen verschiedene Perspektiven zu erfahren – und ihn zu feiern. Normalerweise werden solche Regelwerke ohne jegliche öffentliche Beteiligung von Arbeitsgremien der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) erstellt, die vorrangig aus weißen, mittelalten, männlichen Mitgliedern von Ministerien, Verwaltungen und Ingenieurbüros bestehen.
Externe Expert*innen waren eingeladen, um die neue ESu zu bewerten. Christopher Schriner, Bezirksstadtrat Berlin Mitte, richtete sein Augenmerk auf den Unterhalt von Superblocks, der zu oft in Vergessenheit gerät: Wie nutzen wir die Räume, die wir für Menschen geöffnet haben? Es gebe aber inzwischen viele gute Beispiele in Berlin.
Regina Vollbrecht, Bezirksbeauftragte für Menschen mit Behinderung in Reinickendorf, betonte die vielen positiven Seiten der ESu: Oberflächengestaltung, Ampelschaltungen und gesicherte Querungen wurden im Sinne der Barrierefreiheit berücksichtigt. Sie merkte auch an, dass Mischverkehrsflächen für viele Menschen ein Problem sind, denn vor allem Sehbehinderte brauchen taktile Linien (Häuser, Bordsteinkanten usw.), die sogenannten Leitlinien.
Auch eine schöne Bank, die nicht am Boden fühlbar markiert ist, kann zum Problem werden – egal wie gut gemeint sie ist.
AbschKonfettiließend berichtete Thomas Hug-Di Lena vom Planungsbüro Urbanista in Zürich von seinen Erfahrungen mit der Umsetzung von Superblocks in der Schweiz. Er sprach von reflexhaften Abwehrhaltungen à la „Das geht nicht bei uns!“, denen er oft begegnet, und lobte die Demokratisierung von Wissen, die durch die breite Partizipation stattgefunden hat. Der Begriff „Verkehrsverdunstung“ sollte dringend bekannter gemacht werden. Die Tatsache, dass Verkehrsberuhigung nicht zu einer Verlagerung des Verkehrs, sondern zu einer tatsächlichen Reduktion führt, ist selbst in der Fachwelt nicht immer bekannt und häufig die Ursache von Widerständen.
Es wurde im Dragonerareal in Berlin-Kreuzberg an diesem Abend viel über Aha-Effekte und neuen Erkenntnisse gesprochen. Einiges ist passiert seit der ersten Ausgabe der ESu im Jahr 2023: Die Straßenverkehrsordnung und das Straßenrecht wurden novelliert (Tempo 30, angemessene Flächen für Fuß- und Radverkehr usw.). Andere Regelwerke (E-Klima, Entwurf Rast 06, ERA 2X usw.) wurden überarbeitet. Es wurden viele Erfahrungen aus neu entstandenen Superblocks gesammelt. Technische und konzeptionelle Innovationen (Schleifen von Natursteinpflaster, ScanCars usw.) gibt es jetzt, und die Auswirkungen der Klimakrise sowie die Erkenntnisse über die Notwendigkeit der Klimaanpassung nehmen zu.
Es wurde klar, dass in der zweijährigen Entstehungsphase viel neues Wissen und unterschiedliche Perspektiven auf Verkehrsrecht, Partizipation, Bedarfe der Rettungsdienste, Barrierefreiheit, das Funktionieren von Navigationssystemen usw. in die ESu eingeflossen sind. Die vielen Beteiligten erhoffen sich damit neuen Schwung für die Umsetzung von Superblocks.
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